{"id":134365,"date":"2016-07-21T16:22:12","date_gmt":"2016-07-21T13:22:12","guid":{"rendered":"https:\/\/mospat.ru\/?p=134365"},"modified":"2016-07-29T12:22:46","modified_gmt":"2016-07-29T09:22:46","slug":"metropolit-hilarion-alfeyev-alles-in-meinem-leben-verdanke-ich-der-kirche-interview-anlasslich-seines-50-geburtstags","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/old.mospat.ru\/ru\/2016\/07\/21\/news134365\/","title":{"rendered":"Metropolit Hilarion (Alfeyev): Alles in meinem Leben verdanke ich der Kirche Interview anl\u00e4sslich seines 50. Geburtstags"},"content":{"rendered":"<p><em>An der Schwelle zu seinem 50. Geburtstag gab Metropolit Hilarion von Volokolamsk, Leiter der Abteilung f\u00fcr kirchliche Au\u00dfenbeziehungen des Moskauer Patriarchats, ein Interview f\u00fcr die Website \u201ePravoslavie i mir\u201c [Orthodoxie und Welt]. Darin gibt er Auskunft, wie er zum Glauben an Gott gekommen ist wie auch \u00fcber sein Verst\u00e4ndnis von Leben und Tod, sein neues Buch und seine Gaben als Autor.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Verehrter Herr Metropolit, es ist kaum zu glauben, aber Sie werden bald f\u00fcnfzig. Als Sie entschieden haben, die M\u00f6nchsweihe zu empfangen, haben Sie dabei zugleich eine Vorstellung \u00fcber sich selbst im Alter von zwanzig, drei\u00dfig, vierzig oder f\u00fcnfzig Jahren gehabt? Haben sich Ihre Erwartungen erf\u00fcllt?<\/strong><\/p>\n<p>Als ich die M\u00f6nchsweihe empfing, war ich zwanzig Jahre alt und habe nat\u00fcrlich nicht an mich selbst im Alter von drei\u00dfig oder f\u00fcnfzig Jahren gedacht. Ich lebte f\u00fcr diesen Augenblick. Doch ich hatte nie irgendeinen Zweifel daran, dass ich mein Leben der Kirche widmen will, dass ich mein Leben so und nicht anders f\u00fchren will. Und in den letzten drei\u00dfig Jahren gab es keinen einzigen Anlass zur Entt\u00e4uschung. Es gab keinen Tag, keine einzige Minute, diese Entscheidung zu bereuen.<\/p>\n<p>Alles in meinem Leben verdanke ich der Kirche. Einige Leute haben mich gefragt: \u201eWarum haben Sie sich auf die Kirche eingelassen? Sie h\u00e4tten sich doch mit Kunst befassen k\u00f6nnen, ein Orchester dirigieren, Musik schreiben.\u201c F\u00fcr mich war der Dienst in der Kirche immer das Wichtigste, alles andere hat sich um diesen Grundstock herum entwickelt. Und am wichtigsten war es f\u00fcr mich immer, Christus zu dienen.<\/p>\n<p>In all diesen Jahren habe ich Christus verk\u00fcndigt und Ihn wieder und wieder f\u00fcr mich entdeckt. Ich verk\u00fcndige Christus durch B\u00fccher, durch Musik, durch Fernsehprogramme und Filme. Doch all diese T\u00e4tigkeit war nicht dadurch motiviert, dass ich jemandem etwas sagen oder beweisen wollte. Wenn ich schreibe oder spreche, dann entdecke ich vor allem etwas f\u00fcr mich selbst, ich lasse es durch mich hindurchgehen, und dann gebe ich es anderen weiter. Leben in Christus, Leben in der Kirche ist sehr interessant, sehr reichhaltig, und ich m\u00f6chte dieses Leben mit den Menschen teilen, die sich, aus welchem Grunde auch immer, au\u00dferhalb der Kirche befinden, f\u00fcr die der Glaube nicht der entscheidende Antrieb ihres Lebens ist. Ihnen m\u00f6chte ich erkl\u00e4ren, was der Glaube gibt, was Christus gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>In einem Ihrer Interviews haben Sie davon gesprochen, dass die Frage des Todes Sie von sehr jungen Jahren an besch\u00e4ftigt. Wie kam diese Frage bei Ihnen zum ersten Mal auf, wie hat sich Ihr Verst\u00e4ndnis gewandelt?<\/strong><\/p>\n<p>Sie m\u00f6gen \u00fcberrascht sein, aber die Frage des Todes stellte sich mir zum ersten Mal im Kindergarten. Ich war f\u00fcnf oder sechs Jahre alt, und pl\u00f6tzlich wurde mir bewusst, dass wir alle eines Tages sterben werden: Ich werde sterben, alle Kinder um mich herum werden sterben. Ich begann dar\u00fcber nachzudenken und mir selbst und Erwachsenen Fragen zu stellen. Heute erinnere ich mich weder an diese Fragen noch an die Antworten, die ich erhielt. Ich erinnere mich nur, dass dieser Gedanken mich mit aller Sch\u00e4rfe durchdrang und mich lange nicht loslie\u00df.<\/p>\n<p>Auch in meiner Jugend dachte ich viel \u00fcber den Tod nach. Mein Lieblingsdichter war Federico Garcia Lorca: ich habe ihn f\u00fcr mich in sehr jungen Jahren entdeckt. Das grundlegende Thema seiner Poesie ist der Tod. Ich kenne keinen Dichter, der so viel \u00fcber den Tod nachgedacht und geschrieben hat. Ja, er hat durch seine Dichtung bis zu einem gewissen Grad seinen eigenen tragischen Tod vorweggenommen und durchlebt.<\/p>\n<p>Als ich die Schule abschloss, komponierte ich f\u00fcr das Schlussexamen das Werk \u201eVier Gedichte von Garcia Lorca\u201c. Es war ein Vokalzyklus f\u00fcr Tenor und Klavier zu seinen Worten. Viele Jahre sp\u00e4ter machte ich daraus eine Version f\u00fcr Orchester und benannte sie um in \u201eLieder vom Tod\u201c. Alle vier Gedichte, die ich f\u00fcr diesen Zyklus ausgew\u00e4hlt habe, handeln vom Tod.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Warum hat dieses Thema sie so stark besch\u00e4ftigt?<\/strong><\/p>\n<p>Vermutlich weil von der Antwort auf die Frage, warum der Mensch stirbt, die Antwort auf die Frage abh\u00e4ngt, wozu er lebt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hat sich etwas ge\u00e4ndert, als sie aktiv ihr kirchliches Leben begannen?<\/strong><\/p>\n<p>Es f\u00fcgte sich so, dass mein Eintritt in das aktive kirchliche Leben mit einigen Todesf\u00e4llen zusammentraf, die mich sehr tief bewegten.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst starb mein Geigenlehrer Vladimir Nikolaevitch Litvinov. Damals war ich etwa zw\u00f6lf Jahre alt. Ich habe ihn sehr geliebt, er war f\u00fcr mich eine ungeheure Autorit\u00e4t. Er war ein au\u00dferordentlich intelligenter, zur\u00fcckhaltender, feinf\u00fchliger Mann, der sein Fach ausgezeichnet verstand und seinen Sch\u00fclern hohe Achtung entgegenbrachte. Alle verehrten ihn. Er war noch sehr jung \u2013 ungef\u00e4hr vierzig, nicht mehr.<\/p>\n<p>Eines Tages kam ich zur Schule, und man sagte mir: Litvinov ist gestorben. Zun\u00e4chst dachte ich, dass jemand mir einen Streich spielen wollte. Doch dann sah ich sein Portr\u00e4t im schwarzen Rahmen. Er war einer der j\u00fcngsten Lehrer. Es traf sich, dass er gerade zur Zeit des Examens starb, als sein Sch\u00fcler spielte. Pl\u00f6tzlich sp\u00fcrte er einen Schmerz im Herzen, er brach zusammen, die Ambulanz wurde gerufen, doch statt zur Frunse-Stra\u00dfe fuhren sie zur Timur-Frunse-Stra\u00dfe. Und als sie schlie\u00dflich nach 40 Minuten ankamen, war er bereits tot. Ich nahm an seiner Beerdigung teil, es war der erste Todesfall in meinem Leben.<\/p>\n<p>Nach einiger Zeit starb meine Gro\u00dfmutter, dann ihre Schwester, meine Gro\u00dftante, und dann starb mein Vater. All dies geschah in schneller Abfolge, und nat\u00fcrlich stellte sich mir die Frage nach dem Tod st\u00e4ndig nicht als irgendeine theoretische Frage, sondern als etwas, das um mich herum mir nahestehenden Menschen widerfuhr. Und ich begriff, dass nur der Glaube eine Antwort auf diese Frage gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Haben Sie jetzt ein inneres Verst\u00e4ndnis dessen, was der Tod bedeutet? Ich kann das alles z.B. auf intellektueller Ebene verstehen, aber innerlich kann ich nicht akzeptieren und verstehen, wie geliebte Menschen uns f\u00fcr immer verlassen &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Der Mensch besteht nicht nur aus Vernunft, sondern hat auch ein Herz und einen Leib. Auf solche Ereignisse reagieren wir mit unserer gesamten Existenz. Selbst wenn wir also mit der Vernunft verstehen, weshalb das geschieht, selbst wenn der Glaube uns st\u00e4rkt, um solche Ereignisse zu \u00fcberstehen, so lehnt sich doch unser gesamtes menschliches Wesen gegen den Tod auf. Und das ist nat\u00fcrlich, weil Gott uns nicht f\u00fcr den Tod erschaffen hat. Er hat uns f\u00fcr die Unsterblichkeit geschaffen.<\/p>\n<p>Wie es scheint, m\u00fcssen wir auf den Tod vorbereitet sein, jeden Abend sprechen wir zu uns selbst, wenn wir schlafen gehen: \u201eWird etwa dieses Bett mein Grab sein?\u201c Und wir sehen die Welt im Licht dieses Ereignisses des Todes, der jeden Menschen zu jedem beliebigen Zeitpunkt treffen kann. Nichtsdestoweniger kommt der Tod immer unerwartet, und innerlich protestieren wir gegen ihn. Jeder Mensch sucht seine eigene Antwort, und sie ersch\u00f6pft sich nicht allein in logisch konstruierten Argumenten aus einem Lehrbuch der Dogmatik.<\/p>\n<p>Eines der Werke, die in meiner Kindheit und Jugend einen starken Eindruck auf mich aus\u00fcbten, war die 14. Symphonie von Schostakovitch. In einem erheblichen Ma\u00dfe unter dem Eindruck dieses Werkes schrieb ich meine \u201eLieder \u00fcber den Tod\u201c. Ich h\u00f6rte diese Symphonie damals viele Male und dachte viel dar\u00fcber nach, warum Schostakovitch an seinem Lebensabend gerade ein solches Werk schrieb. Er selbst nannte es \u201eProtest gegen den Tod\u201c. Doch in seiner Behandlung gab dieser Protest keinen Ausweg in eine andere Dimension. Wir k\u00f6nnen gegen den Tod protestieren, und dennoch kommt er. Das bedeutet: Wichtig ist nicht einfach zu protestieren, sondern wichtig ist, \u00fcber den Tod nachzudenken, zu verstehen, wozu er kommt und was uns in diesem Zusammenhang erwartet. Und die Antwort darauf gibt der Glaube, und nicht einfach der Glaube an Gott, sondern der christliche Glaube.<\/p>\n<p>Wir glauben an Gott, der gekreuzigt wurde und am Kreuz starb. Das ist nicht einfach ein Gott, der von irgendwo aus himmlischer H\u00f6he auf uns herabschaut, uns beobachtet und f\u00fcr die S\u00fcnden bestraft und zu guten Taten ermuntert, der Mitleid hat, wenn wir leiden. Es ist ein Gott, der zu uns gekommen und einer von uns geworden ist, der unter uns Wohnung genommen hat durch das Sakrament der Kommunion und der mit uns ist, auch wenn wir leiden und wenn wir sterben. Wir glauben an Gott, der uns gerettet hat durch sein Leiden, sein Kreuz und seine Auferstehung.<\/p>\n<p>Oft wird gefragt: Warum musste Gott den Menschen gerade auf diese Weise retten? Hatte er wirklich keine anderen, weniger \u201eschmerzhaften\u201c Mittel? Warum war es unbedingt n\u00f6tig, dass Gott selbst den Durchgang durch das Kreuz auf sich nahm? Meine Antwort darauf ist folgende: Es besteht ein Unterschied zwischen einem Menschen, der vom Schiff aus sieht, wie jemand \u00fcber Bord gefallen ist, ihm einen Rettungsring zuwirft und mitleidig zusieht, wie der andere sich aus dem Wasser rettet \u2013 und einem Menschen, der f\u00fcr die Rettung des anderen sein eigenes Leben riskiert, sich in die st\u00fcrmischen Wogen des Meeres wirft und sein Leben gibt, damit der andere leben kann. Gott hat entschieden, uns gerade auf diese Weise zu retten. Er warf sich in das tosende Meer unseres Lebens und gab Sein Leben hin, um uns vom Tod zu retten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das ist ein umwerfend starkes Bild, wie es mir noch nie begegnet ist, und es ist wirklich sehr verst\u00e4ndlich.<\/strong><\/p>\n<p>Ich verwende dieses Bild in meinem Katechismus, den ich gerade fertiggestellt habe. Dort habe ich versucht, die Grundlagen des orthodoxen Glaubens in einer einfachen Sprache darzulegen, und ich habe Bilder benutzt, die dem heutigen Menschen verst\u00e4ndlich sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Worin unterscheidet sich Ihr Katechismus von demjenigen, den die Synodale Biblisch-Theologische Kommission unter Ihrer Leitung erarbeitet? Warum brauchte es einen weiteren Katechismus?<\/strong><\/p>\n<p>In der Synodalen Biblisch-Theologischen Kommission schreiben wir seit vielen Jahren einen umfangreichen Katechismus. Die Idee bestand darin, ein grundlegendes Werk zu verfassen, das eine ausf\u00fchrliche Darlegung des orthodoxen Glaubens enthalten soll. Die Aufgabe wurde mir \u00fcbertragen, als ich noch nicht Vorsitzender der Kommission war, die damals von Metropolit Philaret von Minsk geleitet wurde. Es wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, wir begannen zun\u00e4chst den Inhalt des Katechismus zu diskutieren, dann haben wir das Konzept festgelegt und schlie\u00dflich wurde eine Gruppe von Autoren ausgew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Leider haben einige der Autoren so geschrieben, dass wir die Fr\u00fcchte ihrer Arbeit nicht verwenden konnten. Manche Abschnitte mussten wir ein zweites oder drittes Mal vergeben. Nach einigen Jahren intensiver Arbeit hatten wir schlie\u00dflich einen Text, den wir in Plenarsitzungen zu diskutieren begannen, und wir sammelten Stellungnahmen der Mitglieder der Theologischen Kommission. Endlich stellten wir den Text der Kirchenleitung zur Verf\u00fcgung. Zur Zeit ist der Text mit der Bitte um Stellungnahmen versandt, und die ersten Reaktionen sind bereits eingetroffen.<\/p>\n<p>Vor einigen Tagen habe ich einen Brief von einem ehrw\u00fcrdigen Mitglied der Hierarchie erhalten, der eine Stellungnahme zum Text unseres Katechismus beilegt, ausgearbeitet in seiner Eparchie. Diese Stellungnahme enth\u00e4lt viel Lob, doch es hei\u00dft auch, der Katechismus sei zu lang, enthalte zu viele unn\u00f6tige Einzelheiten \u2013 und der Katechismus solle k\u00fcrzer sein.<\/p>\n<p>Als wir die Konzeption dieses Katechismus erarbeiteten, bestand unsere Idee darin, ein gro\u00dfes Buch zu schreiben, das im einzelnen \u00fcber die Lehren der Orthodoxen Kirche, \u00fcber Kirche und Gottesdienst sowie \u00fcber das sittliche Leben spricht. Doch jetzt, nachdem wir dieses gro\u00dfe Buch mit Hilfe gro\u00dfer gemeinschaftlicher Anstrengungen geschrieben haben, sagt man uns: \u201eAber wir brauchen ein kleines Buch. Gebt uns ein Buch, das wir einem Menschen geben k\u00f6nnen, der getauft werden will, so dass er innerhalb von drei Tagen alles lesen kann, was er wissen muss.\u201c<\/p>\n<p>Um ehrlich zu sein, hat mich diese Stellungnahme ge\u00e4rgert. Und zwar so sehr, dass ich mich an meinen Computer gesetzt und meinen eigenen Katechismus geschrieben habe \u2013 den Katechismus, den man einem Menschen vor der Taufe geben kann. Ich wollte, dass man ihn in drei Tagen durchlesen kann. Auch ich habe ihn in drei Tagen geschrieben \u2013 in einem gro\u00dfen Atemzug der Inspiration. Dann, um ehrlich zu sein, musste vieles umgeschrieben, klarer formuliert und nachgebessert werden, doch der anf\u00e4ngliche Text war sehr rasch geschrieben. In diesem Katechismus habe ich mich bem\u00fcht, die Grundlagen des orthodoxen Glaubens so verst\u00e4ndlich und einfach wie nur m\u00f6glich darzulegen, die Lehre \u00fcber die Kirche und ihren Gottesdienst zu erl\u00e4utern und \u00fcber die Grundlagen des sittlichen Lebens der Christen zu sprechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie schreiben sehr gut kurze Texte \u00fcber die Glaubenslehre \u2013 f\u00fcr \u00dcbersetzungen ins Englische benutzen wir st\u00e4ndig Ihre B\u00fccher.<\/strong><\/p>\n<p>Hier war das Wichtigste, nichts \u00dcberfl\u00fcssiges zu schreiben. St\u00e4ndig musste ich mich beschr\u00e4nken, denn nat\u00fcrlich kann man zu jedem Thema mehr sagen, doch ich versetzte mich in den Menschen hinein, der getauft werden will: Was muss man diesem Menschen geben, damit er etwas \u00fcber den orthodoxen Glauben erf\u00e4hrt? Als Ergebnis entstand ein Katechismus f\u00fcr diejenigen, die sich auf die Taufe vorbereiten, und f\u00fcr diejenigen, die irgendwann einmal getauft worden sind, aber nicht kirchlich sozialisiert sind, und f\u00fcr alle, die mehr \u00fcber ihren Glauben wissen wollen.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens schrieb ich dank der Tatsache, dass wir nicht zum Panorthodoxen Konzil gegangen sind. Ich hatte zwei Wochen f\u00fcr den Aufenthalt auf Kreta eingeplant, doch da wir die Entscheidung getroffen hatten, nicht dorthin zu reisen, hatte ich unerwartet ganze zwei Wochen frei. Diese Zeit habe ich mit dem Katechismus verbracht: In drei Tagen habe ich ihn geschrieben und in einer Woche \u00fcberarbeitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wird es also in naher Zukunft zwei Katechismen in der Kirche geben: einen ausf\u00fchrlichen gro\u00dfen Katechismus und einen Band f\u00fcr Anf\u00e4nger?<\/strong><\/p>\n<p>Diese zwei B\u00fccher haben einen verschiedenen Status. Das eine ist ein gemeinschaftlich erarbeiteter Text, und ich hoffe, dass wir ihn in die erforderliche Fassung bringen und die kirchliche Zustimmung f\u00fcr diesen Text erhalten werden. F\u00fcr das, was ich jetzt geschrieben habe, trage ich als Autor die Verantwortung. Und ich hoffe, dass dieser Katechismus Verwendung finden wird, unter anderem in Situationen, wenn ein Mensch getauft werden will und sagt: \u201eGebt mir ein Buch, damit ich es in drei bis vier Tagen lesen und mich vorbereiten kann\u201c. Zu diesem Zweck wurde das Buch geschrieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Soeben ist Ihr Buch \u00fcber Christus erschienen. Es hei\u00dft \u201eAnfang des Evangeliums\u201c. Als ich es ge\u00f6ffnet habe, hat es mir einfach die Sprache verschlagen \u2013 das ist wirklich ein notwendiges, bedeutsames und phantastisch ausgestattetes Buch. Seit langem habe ich irgendwie das Interesse an Neuerscheinungen verloren, doch hier habe ich das erste Kapitel zu lesen begonnen und verstanden, dass ich nicht aufh\u00f6ren kann und umgehend hundert Exemplar als Geschenke bestellen muss. Ganz herzlichen Dank, das ist eine wunderbare freudige Neuigkeit, denn heute sprechen und schreiben alle \u00fcber alles M\u00f6gliche, nur nicht \u00fcber Christus. Ich hoffe, es wird ein Bestseller werden.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Viele B\u00fccher werden heute \u00fcber alles M\u00f6gliche geschrieben, und wir wissen \u00fcberhaupt nicht, wie man \u00fcber Christus schreiben und mit den Menschen \u00fcber Christus in unserem Leben sprechen soll. Wir wissen, wie man irgendein Gebet liest, wie man in der Beichte spricht, doch Christus vermissen wir sehr im t\u00e4glichen christlichen Leben.<\/strong><\/p>\n<p>Bis zu diesem Buch habe ich sehr viele Jahre gebraucht. In gewissem Sinne ist es das Endergebnis von zumindest einem Vierteljahrhundert meiner Entwicklung, seit ich Vorlesungen \u00fcber das Neue Testament in dem damals gerade gegr\u00fcndeten St. Tichon-Institut zu halten begann. Das war im Akademischen Jahr 1992-1993. Damals kam ich zum ersten Mal nicht nur mit dem Evangelium in Ber\u00fchrung, das ich nat\u00fcrlich von Kindheit an las, sondern auch mit Fachliteratur zum Neuen Testament. Doch damals gab es wenig Literatur, unser Zugang dazu war begrenzt. Und meine theologischen Studien bezogen sich vor allem auf die Patristik, d.h. auf die Lehre der Kirchenv\u00e4ter. Ich studierte Patristik in Oxford und schrieb dort eine Dissertation \u00fcber Simeon den Neuen Theologen. Dann schrieb ich auf der Welle \u201everbleibender Inspiration\u201c B\u00fccher \u00fcber Gregor den Theologen und \u00fcber Isaak den Syrer. Und sp\u00e4ter ging dieser gro\u00dfe Bestand patristischer Ideen und Gedanken in mein Buch \u201eOrthodoxie\u201c ein.<\/p>\n<p>Das Buch \u201eOrthodoxie\u201c beginnt mit Christus, doch ich gehe fast sofort zu anderen Themen \u00fcber. Das hatte damit zu tun, dass ich noch nicht bereit war, \u00fcber Christus zu schreiben.<\/p>\n<p>Bei all dem hat mich das Thema \u201aChristus\u2019 im Laufe meines Lebens mindestens seit meinem zehnten Lebensjahr besch\u00e4ftigt. Nat\u00fcrlich las ich das Evangelium, dachte \u00fcber Christus nach, \u00fcber Sein Leben, \u00fcber Seine Lehre. Doch zu einem bestimmten Zeitpunkt \u2013 das war ungef\u00e4hr vor zweieinhalb Jahren \u2013 erkannte ich, dass ich mich sehr ernsthaft mit der heutigen Fachliteratur zum Neuen Testament befassen muss. Das hatte damit zu tun, dass ich mit dem Segen des Patriarchen eine Arbeitsgruppe leitete, um Lehrb\u00fccher f\u00fcr die geistlich-theologischen Schulen vorzubereiten. Und pl\u00f6tzlich stellte sich in aller Sch\u00e4rfe die Frage nach einem Lehrbuch zum Neuen Testament, zu den vier Evangelien. Ich erkannte, dass ich aus verschiedenen Gr\u00fcnden dieses Lehrbuch selbst schreiben musste. Und um es zu schreiben, war es n\u00f6tig, mir Kenntnisse im Bereich der wissenschaftlichen Literatur zum Neuen Testament anzueignen.<\/p>\n<p>Meine Weise, mir Materialien der Literatur anzueignen, ist die Zusammenfassung des Inhalts. Bevor ich nicht zu schreiben beginne, kann ich mich nicht auf das Lesen konzentrieren, wie in der bekannten Anekdote \u00fcber den Menschen, der als Student in das Literaturinstitut kommt und gefragt wird: \u201eHaben Sie Dostojevskij, Puschkin, Tolstoi gelesen?\u201c, und antwortet: \u201eIch lese nicht, ich schreibe.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie haben gesagt, dass Sie in Ihrer Kindheit 500 bis 600 Seiten pro Tag gelesen haben &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Ja, in meiner Kindheit habe ich viel gelesen, doch von einem bestimmten Augenblick an begann ich viel weniger zu lesen, ich begann nur das zu lesen, was ich brauche, um zu schreiben. Wenn ich schreibe, verarbeite ich das Gelesene.<\/p>\n<p>Anfangs entschied ich, ein Lehrbuch zu schreiben, doch rasch erkannte ich, dass ich zun\u00e4chst ein Buch schreiben m\u00fcsse, um zu diesem Ziel zu gelangen. So begann ich das Buch \u00fcber Jesus Christus zu schreiben, das mit der Zeit zu einem Lehrbuch umgewandelt werden soll. Zun\u00e4chst nahm ich mir vor, nur ein einziges Buch zu schreiben, doch als ich zu schreiben begann, wurde mir klar, dass diese ganze Unmenge von gesammeltem Material nicht in ein einziges Buch passen w\u00fcrde. Schlussendlich schrieb ich sechs B\u00fccher. Jetzt ist der erste Band erschienen, vier weitere sind vollst\u00e4ndig geschrieben und werden der Reihe nach herauskommen, der sechste ist im ersten Entwurf geschrieben. Im Wesentlichen ist das Werk abgeschlossen, obwohl der sechste Band noch eine gewisse redaktionelle Bearbeitung erfordert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bitte, sagen Sie uns, wie das Buch aufgebaut ist.<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe entschieden, nicht der Chronologie der Ereignisse des Evangeliums zu folgen und abwechselnd Episoden aus dem Leben Christi, Wunder und Gleichnisse zu betrachten. Meine Entscheidung bestand darin, das Material des Evangeliums in gro\u00dfe thematische Bl\u00f6cke einzuteilen.<\/p>\n<p>Der erste Band tr\u00e4gt den Titel \u201eAnfang des Evangeliums\u201c. Darin spreche ich als erstes \u00fcber den Stand der heutigen neutestamentlichen Wissenschaft und gebe eine allgemeine Einf\u00fchrung in alle sechs B\u00e4nde. Zweitens betrachte ich die Anfangskapitel aller vier Evangelien und ihre grundlegenden Themen: die Verk\u00fcndigung, die Geburt Christi, der Aufbruch Jesu zu seiner \u00f6ffentlichen Predigt, die Taufe durch Johannes, die Berufung der ersten J\u00fcnger. Ich gebe eine Art ganz allgemeinen \u00dcberblick \u00fcber den Konflikt zwischen Jesus und den Pharis\u00e4ern, der schlie\u00dflich zu seinem Todesurteil f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Der zweite Band ist ganz der Bergpredigt gewidmet. Es ist ein \u00dcberblick \u00fcber das christliche sittliche Leben.<\/p>\n<p>Der dritte Band ist vollst\u00e4ndig den Wundern Jesu Christi im gesamten vierten Evangelium gewidmet.<\/p>\n<p>Band 4 hei\u00dft \u201eDie Gleichnisse Jesu\u201c. Darin werden alle Gleichnisse aus den synoptischen Evangelien \u2013 eines nach dem anderen \u2013 ausgelegt und betrachtet. Ich spreche \u00fcber die literarische Form des Gleichnisses und erkl\u00e4re, weshalb der Herr gerade diese Form f\u00fcr seine Lehrt\u00e4tigkeit ausw\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Der f\u00fcnfte Band \u2013 \u201eLamm Gottes\u201c \u2013 handelt von dem gesamten Originalmaterial des Johannesevangeliums, d.h. von dem Material, das keine Entsprechungen in den synoptischen Evangelien hat.<\/p>\n<p>Und am Schluss steht der sechste Band mit dem Titel \u201eTod und Auferstehung\u201c. Hier ist die Rede von den letzten Tagen im irdischen Leben des Erl\u00f6sers, von seinen Leiden am Kreuz, von Tod und Auferstehung und von den Erscheinungen vor den J\u00fcngern nach der Auferstehung sowie von der Aufnahme in den Himmel.<\/p>\n<p>Das ist der Erz\u00e4hlfaden des Buches. Ich musste es vor allem deshalb schreiben, um f\u00fcr mich selbst von Neuem die Ereignisse zu verarbeiten, die das Herzst\u00fcck unseres christlichen Glaubens darstellen, und um dann auf der Grundlage dieser Werke Lehrb\u00fccher f\u00fcr die geistlich-theologischen Schulen zu schreiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Geht es um einen \u00dcberblick, eine Interpretation?<\/strong><\/p>\n<p>Grundlegend ist der Text des Evangeliums. Er wird auf dem Hintergrund eines breiten Panoramas von Interpretationen betrachtet \u2013 angefangen von den \u00e4ltesten bis zu den zeitgen\u00f6ssischen. Gro\u00dfe Aufmerksamkeit widme ich der Kritik der heutigen Zug\u00e4nge zum Text des Evangeliums, wie sie f\u00fcr westliche Forscher typisch sind.<\/p>\n<p>In der gegenw\u00e4rtigen neutestamentlichen Wissenschaft im Westen gibt es viele verschiedene Zug\u00e4nge zu Jesus. Einer davon lautet beispielsweise: Die Evangelien sind sehr interessante literarische Werke, sie alle entstanden Ende des ersten Jahrhunderts, nachdem bereits einige Jahrzehnte nach dem Tod Christi vergangen waren. Es gab eine gewisse historische Gestalt namens Jesus Christus, er wurde ans Kreuz geschlagen, von ihm blieb eine Sammlung von Lehraussagen, die in der Folgezeit verloren ging. Diese Sammlung interessierte die Menschen, sie begannen sich darum herum zu sammeln und bildeten Gemeinden von J\u00fcngern Jesu.<\/p>\n<p>Dann mussten sie trotzdem verstehen, was f\u00fcr eine Art Mensch das war, der diese Lehren vorgetragen hatte, und sie begannen \u00fcber ihn verschiedene Geschichten zu erfinden: Sie dachten sich die Geschichte seiner Jungfrauengeburt aus, schrieben ihm alle Arten von Wundern zu und legten Gleichnisse in seinen Mund. Doch in Wahrheit waren das alles Produkte von Menschen \u2013 umst\u00e4ndehalber Matth\u00e4us, Markus, Lukas und Johannes genannt \u2013, die einige christliche Gemeinden leiteten und all das aufgrund pastoraler Bed\u00fcrfnisse schrieben. Soweit ich sehe, ist dieser widersinnige und blasphemische Zugang zum Evangelium in der westlichen neutestamentlichen Wissenschaft quasi vorherrschend.<\/p>\n<p>Es gibt B\u00fccher \u00fcber die \u201eTheologie des Matth\u00e4us\u201c, wo kein Wort dar\u00fcber verloren wird, dass hinter dieser Theologie Christus steht. Nach Meinung dieser Theologen ist Christus irgendeine literarische Person, die von Matth\u00e4us f\u00fcr die pastoralen Bed\u00fcrfnisse seiner Gemeinde geschaffen worden ist. Dar\u00fcber hinaus, so schreiben diese Forscher, gab es apokryphe Evangelien, und erst sp\u00e4ter sortierte die Kirche aus, was ihr nicht gefiel, doch in Wahrheit gab es viel weiteres Material.<\/p>\n<p>Mit einem Wort, um Person und Lehre Christi wurden eine Menge wissenschaftlicher Mythen geschaffen, und statt Sein Leben und Seine Lehre gem\u00e4\u00df dem Evangelium zu studieren, studiert man diese von Gelehrten erfundenen Mythen.<\/p>\n<p>In meinem Buch weise ich nach, was f\u00fcr uns orthodoxe Christen offensichtlich ist, was jedoch f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Experten f\u00fcr das Neue Testament gar nicht offensichtlich ist: Die einzige glaubw\u00fcrdige Auskunft \u00fcber Christus ist das Evangelium, eine andere glaubw\u00fcrdige Quelle gibt es nicht. Das Evangelium ist das Zeugnis von Augenzeugen. Wenn Sie wissen wollen, was sich zugetragen hat, dann m\u00fcssen Sie sich vertrauensvoll auf Augenzeugen beziehen. Wie seine Heiligkeit Patriarch Kirill in seinem Buch \u201eHirtenwort\u201c schreibt: Wie k\u00f6nnen wir uns ein Bild von einem Verkehrsunfall machen? Man muss Zeugen befragen. Der eine stand dort, der andere hier, der dritte noch irgendwo anders. Jeder sah es auf seine Weise, jeder erz\u00e4hlt seine Geschichte, doch zusammengenommen ergibt sich aus den Zeugnissen ein Bild.<\/p>\n<p>Wir lesen das Evangelium und sehen, dass die Evangelisten in vielem \u00fcbereinstimmen. Doch in einigen Punkten weichen sie voneinander ab, und das liegt nat\u00fcrlich daran, dass jeder ein wenig auf seine Weise gesehen hat. Zugleich ist das Bild Christi nicht aufgespalten, nicht in vier verschiedene Bilder zerteilt. Alle vier Evangelien sprechen von ein und derselben Person. In meinem Buch schreibe ich, dass die Evangelien einem Safe mit Sch\u00e4tzen gleichen, der mit zwei Schl\u00fcsseln ge\u00f6ffnet wird: Um die Erz\u00e4hlungen des Evangeliums und ihren Sinn zu verstehen, muss man beide Schl\u00fcssel verwenden. Der eine Schl\u00fcssel ist der Glaube, dass Jesus Christus ein realer irdischer Mensch mit allen Eigenschaften eines irdischen Menschen war, in allem uns \u00e4hnlich, au\u00dfer der S\u00fcnde. Und der andere Schl\u00fcssel ist der Glaube, dass Er Gott war. Wenn einer dieser Schl\u00fcssel fehlt, werden Sie diese Person, um die es den Evangelien geht, nie verstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie lautet der Zeitplan f\u00fcr das Erscheinen Ihrer B\u00fccher \u00fcber Christus?<\/strong><\/p>\n<p>Der erste Band ist gerade erschienen. Die weiteren B\u00e4nde werden herausgegeben, sobald sie bereit sind. Insofern ich sie bereits geschrieben habe, h\u00e4ngt ihr weiteres Geschick von den Verlegern ab.<\/p>\n<p>Das Thema ist zu bedeutsam und zu breit. Das hielt mich viele Jahre davon ab, mich an die Arbeit zu einem Buch \u00fcber Jesus Christus zu machen. Ich umkreiste es, studierte die Kirchenv\u00e4ter, schrieb \u00fcber die Kirche, w\u00e4hlte verschiedene Fragen der Theologie aus. Doch zur Person Christi konnte ich nicht vordringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hatten Sie Angst?<\/strong><\/p>\n<p>Ich fand meinen eigenen Zugang nicht, meinen Schl\u00fcssel. Nat\u00fcrlich studierte ich, was die Kirchenv\u00e4ter \u00fcber Jesus Christus geschrieben haben, das zeigt sich in meinen B\u00fcchern. So gibt es zum Beispiel in meinem Buch \u201eOrthodoxie\u201c einen ganzen Abschnitt zur Christologie. Doch wenn wir schauen, was die Kirchenv\u00e4ter im dritten und vierten Jahrhundert \u00fcber die Erl\u00f6sung geschrieben haben, dann lautete die grundlegende Frage: Wem zahlte Christus das L\u00f6segeld? Sie nahmen den Ausdruck \u201eErl\u00f6sung\u201c im w\u00f6rtlichen Sinne als \u201eLoskauf\u201c. Und sie stritten dar\u00fcber, wem das L\u00f6segeld bezahlt wurde. Die einen sagten, das L\u00f6segeld sei dem Teufel bezahlt worden. Andere widersprachen mit Recht: Wer ist denn der Teufel, dass ihm ein so hoher Preis zu zahlen ist? Warum muss Gott mit dem Teufel abrechnen durch das Leben seines eigenen Sohnes? Nein, sagten die V\u00e4ter, das Opfer wurde Gott dem Vater dargebracht.<\/p>\n<p>Im lateinischen Westen des Mittelalters wurde die Lehre vom Opfer des Erl\u00f6sers am Kreuz als Mittel zur Genugtuung f\u00fcr den Zorn Gottes entwickelt. Der Sinn dieser Lehre war der folgende: Gott Vater war so erz\u00fcrnt \u00fcber die Menschheit, und die Menschheit war aufgrund ihrer S\u00fcnden so sehr in Gottes Schuld, dass sie auf keine andere Weise mit Gott ins Reine kommen konnte au\u00dfer durch den Tod Seines eigenen Sohnes. Angeblich befriedigte dieser Tod sowohl den Zorn Gottes, des Vaters, als auch sein Rechtsurteil.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist dieser westliche Traktat unannehmbar. Der Apostel Paulus sagt: \u201eGro\u00df ist das g\u00f6ttliche Geheimnis: Gott erschien im Fleisch\u201c. Ich denke, dass sowohl die V\u00e4ter der Ostkirche als auch die westlichen Schriftsteller zu ihrer Zeit irgendwelche Antworten auf die Frage suchten, worin dieses Geheimnis besteht, und deshalb schufen sie auch ihre Theorien. Es musste erkl\u00e4rt werden mit irgendwelchen f\u00fcr die Menschen verst\u00e4ndlichen Beispielen.<\/p>\n<p>Gregor von Nyssa zum Beispiel sagte, Gott habe den Teufel betrogen. In menschlichem Fleisch stieg Er hinab in die Unterwelt, wo der Teufel herrschte. Der Teufel verschlang ihn, weil er dachte, es sei ein Mensch, doch unter dem menschlichen Fleisch Christi verbarg sich Seine Gottheit, und gleich einem Fisch, der zusammen mit dem K\u00f6der den Angelhaken schluckt, verschlang der Teufel auf diese Weise Gott zusammen mit dem Menschen, und diese Gottheit zerst\u00f6rte die Macht der Unterwelt von innen. Ein sch\u00f6nes und scharfsinniges Bild, doch dem heutigen Menschen mit Hilfe dieses Bildes die Erl\u00f6sung zu erkl\u00e4ren, ist unm\u00f6glich. Wir m\u00fcssen eine andere Sprache finden und andere Bilder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie antworten Sie auf diese Frage?<\/strong><\/p>\n<p>Meiner Meinung nach ist das Gr\u00f6\u00dfte, was wir \u00fcber Gott sagen k\u00f6nnen, dass er uns genau auf diese Weise retten wollte und nicht auf irgendeine andere Weise. Er wollte einer von uns werden. Er wollte uns nicht einfach von irgendwo her aus der H\u00f6he retten, indem er uns Signale sandte, eine helfende Hand ausstreckte, sondern er kam in das Dickicht des menschlichen Lebens, um immer mit uns zu sein. Wenn wir leiden, wissen wir, das Er gemeinsam mit uns leidet. Wenn wir sterben, wissen wir, dass Er uns nahe ist. Das gibt uns Kraft zu leben, gibt uns den Glauben an die Auferstehung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Verehrter Herr Metropolit, Sie haben in gro\u00dfem Umfang Literatur in verschiedenen Sprachen verarbeitet. Wie viele Fremdsprachen beherrschen Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Mehrere Sprachen in auf verschiedenem Niveau. Englisch spreche und schreibe ich flie\u00dfend. In dieser Sprache habe ich sogar f\u00fcr eine gewisse Zeit gedacht, als ich in England studierte. Franz\u00f6sisch spreche und lese ich, und wenn n\u00f6tig schreibe ich auch, aber nicht so flie\u00dfend. Griechisch spreche ich, doch ebenfalls weniger sicher (mir fehlt die Praxis), obwohl ich fl\u00fcssig schreibe. Weiter, in absteigender Folge: Auf Italienisch, Spanisch, Deutsch lese ich, doch ich spreche diese Sprachen nicht. Von den alten Sprachen habe ich Altgriechisch, Syrisch und ein wenig Hebr\u00e4isch studiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie haben Sie \u00fcberhaupt Fremdsprachen erlernt?<\/strong><\/p>\n<p>Alle Fremdsprachen habe ich anhand des Evangeliums gelernt. Immer habe ich mit dem Johannesevangelium begonnen. Dieses Evangelium ist am besten geeignet, um W\u00f6rter zu lernen, sie werden best\u00e4ndig wiederholt: \u201eIm Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott, im Anfang war es bei Gott\u201c. Experten sagen, der Wortschatz des Johannesevangeliums sei zwei Mal geringer als in den \u00fcbrigen Evangelien, obwohl es dem Fassungsverm\u00f6gen nach nicht hinter diesen zur\u00fcckbleibt. Diese n\u00fcchterne Knappheit im Wortgebrauch hat damit zu tun, dass viele W\u00f6rter wiederholt werden.<\/p>\n<p>Weshalb ist es angemessen, eine Sprache mit dem Evangelium zu erlernen? Aus einem einfachen Grund: Wenn man einen gut bekannten Text liest, den man praktisch auswendig kennt, muss man nicht in ein W\u00f6rterbuch schauen, weil man die W\u00f6rter erkennt. Und so lernte ich Griechisch. Zun\u00e4chst las ich das Johannesevangelium, dann las ich die drei \u00fcbrigen Evangelien, dann begann ich die Apostelbriefe zu lesen, und schlie\u00dflich habe ich angefangen, auf Griechisch die Kirchenv\u00e4ter zu lesen. Als ich Griechisch studierte, habe ich au\u00dferdem Tonbandaufzeichnungen der Liturgie in griechischer Sprache geh\u00f6rt. Ich habe in der Aussprache gelernt, die heute von Griechen benutzt wird.<\/p>\n<p>Die syrische Sprache habe ich ein wenig anders gelernt, das war schon in Oxford, und ich hatte einen ausgezeichneten Professor, den besten Spezialisten der Welt f\u00fcr syrische Literatur, Sebastian Brock. Doch er hat mir immer gesagt: Ich habe nicht die Absicht, mit Ihnen die Sprache zu studieren, das ist f\u00fcr mich uninteressant, was mich interessiert, ist Texte zu lesen. Dann haben wir gemeinsam begonnen, einen Text von Isaak dem Syrer zu lesen, und ich las parallel auf Syrisch die Evangelien und eignete mir mit Robinsons Lehrbuch die Grundlagen der Grammatik an.<\/p>\n<p>Das Wichtigste in der Sprache ist nat\u00fcrlich die Praxis. Kein Lehrbuch kann die praktische Arbeit mit dem Text ersetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was meinen Sie: Sind heute f\u00fcr Priester Fremdsprachen n\u00f6tig?<\/strong><\/p>\n<p>Eine eindeutige Antwort darauf habe ich nicht. F\u00fcr den einen sind vielleicht Fremdsprachen nicht n\u00f6tig. Doch eine Fremdsprache ist ja nicht nur aus reinen N\u00fctzlichkeitsgr\u00fcnden sinnvoll, um in ihr irgendetwas zu lesen oder zu h\u00f6ren oder um die M\u00f6glichkeit zu haben, jemandem etwas zu sagen. Sie ist vor allem sinnvoll, weil sie eine ganz neue Welt er\u00f6ffnet. Jede Sprache spiegelt das Denken irgendeines Volkes, jede Sprache hat ihre eigene Literatur, ihre Poesie. Ich w\u00fcrde sagen, dass zur allgemeinen Entwicklung eine Fremdsprache nie jemandem schadet. Etwas anderes ist es zu sagen, dass einige Menschen vielleicht keine Begabung f\u00fcr Sprachen oder kein Interesse daran haben.<\/p>\n<p>Fremdsprachen sind nicht unbedingt n\u00f6tig f\u00fcr die Erl\u00f6sung, und sie sind auch nicht unbedingt n\u00f6tig f\u00fcr den pastoralen Dienst. Dennoch meine ich, dass f\u00fcr den Priester, der das Evangelium liest, zumindest gewisse Grundlagen der griechischen Sprache unverzichtbar sind. Nicht umsonst wurden ja im Seminar vor der Revolution Griechisch und Latein studiert \u2013 und sei es um den Sinn einzelner W\u00f6rter und Ausdr\u00fccke zu verstehen, die Christus in seinen Gleichnissen verwendet, um sich auf das griechische Original zu beziehen und es zu vergleichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie strukturieren Sie Ihren Tagesablauf?<\/strong><\/p>\n<p>Mein Tagesablauf ist meinen Dienstverpflichtungen untergeordnet. Ich habe verschiedene Aufgaben, die mir von der kirchlichen Hierarchie auferlegt wurden sind: Ich bin Leiter der Abteilung f\u00fcr kirchliche Au\u00dfenbeziehungen und ex officio st\u00e4ndiges Mitglied des Heiligen Synod, Rektor der Gesamtkirchlichen Aspirantura und Vorsteher einer Kirche. Au\u00dferdem leite ich eine Menge verschiedener Kommissionen und Arbeitsgruppen, die verschiedene Projekte verwirklichen.<\/p>\n<p>Sechs Tage im Jahr findet eine Sitzung des Heiligen Synod statt, acht Tage pro Jahr sind Sitzungen des H\u00f6heren Kirchenrates. Sonntag ist der Tag f\u00fcr die Liturgie. Jeder kirchliche Feiertag ist ein Tag f\u00fcr die Liturgie. Nat\u00fcrlich liegen vor jedem Arbeitstag der Synode zumindest einige Tage der Vorbereitung \u2013 wir bereiten Dokumente vor, arbeiten Protokolle aus. Es gibt Anwesenheitstage in der Abteilung f\u00fcr kirchliche Au\u00dfenbeziehungen und in der Gesamtkirchlichen Aspirantura. Viele Begegnungen finden statt, mit orthodoxen Hierarchen, mit Andersglaubenden, mit Delegationen verschiedener Staaten. Ein sehr wichtiger Teil meiner T\u00e4tigkeit sind die Reisen. W\u00e4hrend der ersten f\u00fcnf Jahre meiner Aufgabe als Vorsitzender der Abteilung f\u00fcr kirchliche Au\u00dfenbeziehungen hatte ich mehr als f\u00fcnfzig Auslandsreisen pro Jahr. Manchmal flog ich nur nach Moskau, um in ein anderes Flugzeug umzusteigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Haben Sie mit Flugangst zu k\u00e4mpfen?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Doch nach diesen f\u00fcnf Jahren begann ich weniger zu reisen. Innerhalb der f\u00fcnf Jahre habe ich alle besucht, die ich besuchen musste, und jetzt kann ich den Kontakt mit sehr vielen durch Telefonanrufe und Emails halten, d.h. ich muss nicht extra irgendwo hinreisen, um mit jemandem zu sprechen.<\/p>\n<p>Weiterhin gilt: Wenn ich fr\u00fcher fast alle eintreffenden Einladungen zu verschiedenen Konferenzen angenommen hat, so f\u00fchlte ich in einem bestimmten Moment \u2013 und Seine Heiligkeit der Patriarch sagte mir: \u201eSie sollten nicht so viel reisen. Sie sollten nur zu den wichtigsten Veranstaltungen reisen, bei denen niemand au\u00dfer Ihnen teilnehmen kann.\u201c Dementsprechend ist die Zahl der Reisen gesunken \u2013 ohne Schaden f\u00fcr die Sache, wie ich meine.<\/p>\n<p>Mein Arbeitsplan besteht im Wesentlichen aus den Sitzungstagen des Synod und des H\u00f6heren Kirchenrates, aus den Pr\u00e4senztagen in der Abteilung f\u00fcr Kirchliche Au\u00dfenbeziehungen und in der Aspirantura und aus Reisen. Er l\u00e4sst sich etwa ein Jahr im voraus absehen.<\/p>\n<p>In diesem Arbeitsplan gibt es Pausen, die f\u00fcr mich im Hinblick auf eine \u2013 unter Vorbehalt \u2013 sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeit n\u00f6tig sind, z.B. um B\u00fccher zu schreiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>An welchen Tagen haben Sie daf\u00fcr Zeit?<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst an zivilen Feiertagen. Wenn ich die Worte eines bekannten Liedes umformuliere, dann l\u00e4sst sich sagen: Ich kenne kein anderes Land, in dem es so viele Feiertage g\u00e4be. Neben den Ferien hat das Land zehn Tage im Januar frei, einige Tage im Februar, M\u00e4rz, Mai, Juni, November. Diese freien Tage nutze ich auch, um zu schreiben. Sagen wir, die Zeit \u00fcber Neujahr von Ende Dezember bis Weihnachten ist die Zeit, in der ich schreibe. Ich schreibe auch am Samstag. Das Wort \u201eFreizeit\u201c im traditionellen Verst\u00e4ndnis gibt es bei mir nicht. Wenn ein Tag frei ist von gottesdienstlichen Pflichten, dann schreibe ich an diesem Tag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Schreiben Sie rasch?<\/strong><\/p>\n<p>Gew\u00f6hnlich schreibe ich viel und rasch. Ich kann lange \u00fcber etwas nachdenken, doch wenn ich mich hinsetze und schreibe, dann liegt mein Durchschnittspensum bei 5000 Worten pro Tag. Manchmal erreiche ich diesen Wert nicht, doch manchmal \u00fcberschreite ich ihn auch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das ist mehr als die Ma\u00dfeinheit f\u00fcr die Produktivit\u00e4t eines Autors!<\/strong><\/p>\n<p>Ja, so ist es. Bei diesem intensiven Rhythmus l\u00e4sst sich ein recht gro\u00dfer Textumfang in einem recht kurzen Zeitraum schreiben. Unter Vorbehalt kann ich sagen: Ich brauche zwanzig solcher Tage, um ein Buch im Umfang von 100&#8217;000 Worten zu schreiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Traditionell werden B\u00fccher gemessen nach Zeichen und nach Arbeitseinheiten des Autors &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Seit meiner Zeit in Oxford messe ich nach Worten. Als ich in Oxford studierte, lag meine Obergrenze f\u00fcr die Doktorarbeit bei 100&#8217;000 Worten. Ich \u00fcberschritt diese Obergrenze und befand mich in einer recht peinlichen Situation: Man verlangte von mir, den Text zu k\u00fcrzen. Ich k\u00fcrzte so gut ich konnte, und dennoch war das Limit um fast 20&#8217;000 Worte \u00fcberschritten \u2013 bereits nach dem Binden der Dissertation (und das Binden war dort unglaublich teuer). Mein Professor Kallistos Ware musste eigens in das Rektorat gehen und nachweisen, dass f\u00fcr die Darlegung meiner Thematik diese zus\u00e4tzlichen 20&#8217;000 Worte absolut unverzichtbar waren. Seit dieser Zeit bem\u00fche ich mich erstens darum, kurz und knapp zu schreiben, und zweitens berechne ich den Umfang des Geschriebenen in Worten und nicht in Zeichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hatten Sie mit Problemen st\u00e4ndiger Ablenkung der Aufmerksamkeit zu tun? Ist Ihr Computer z.B. vom Internet oder von den Emails getrennt?<\/strong><\/p>\n<p>Nein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ich erinnere daran, dass Sie Emails in Rekordzeit beantworten.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich am Computer sitze und eine Nachricht erhalten, dann versuche ich sofort zu antworten, falls die Nachricht kurz und sachbezogen ist.<\/p>\n<p><strong>Erhalten Sie viele Briefe?<\/strong><\/p>\n<p>Nicht weniger als drei\u00dfig pro Tag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sollte es nicht gewisse Pausen geben?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, es gibt Pausen zu den Mahlzeiten. Doch seit der Zeit, als ich in der Armee diente, habe ich die Gewohnheit, schnell zu essen (man sagt, das sei schlecht f\u00fcr die Gesundheit). Das Fr\u00fchst\u00fcck dauert bei mir 10 Minuten, das Mittagessen 15, das Abendessen 10-15 Minuten. In der gesamten Zeit, in der ich nicht esse, nicht schlafe und nicht bete, arbeite ich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hochw\u00fcrdiger Herr Metropolit, sagen Sie uns etwas \u00fcber Ihre Einsch\u00e4tzung der heutigen Liturgie? Welche Probleme gibt es in der Wahrnehmung der liturgischen Gebete?<\/strong><\/p>\n<p>Die orthodoxe Liturgie ist eine Synthese von K\u00fcnsten. In diese Synthese gehen ein: die Architektur der Kirche, Ikonen und Fresken an den W\u00e4nden, die Musik, die im Gottesdienst erklingt, Lesungen und Ges\u00e4nge, Prosa und Poesie, die in der Kirche zu h\u00f6ren sind, und die Choreographie \u2013 Einz\u00fcge, Ausz\u00fcge, Prozessionen, Verneigungen. An der orthodoxen Liturgie nimmt der Mensch mit all seinen Sinnesorganen teil. Sicherlich mit dem Gesichts- und dem Geh\u00f6rsinn, aber auch mit dem Geruchssinn \u2013 wir riechen den Duft des Weihrauchs \u2013, mit dem Tastsinn \u2013 wir k\u00fcssen ehrerbietig die Ikonen \u2013, mit dem Geschmackssinn \u2013 wir empfangen die Heilige Kommunion, trinken das Weihwasser, erhalten das Antidoron.<\/p>\n<p>Auf diese Weise nehmen wir mit allen f\u00fcnf Sinnesorganen am Gottesdienst teil. Die Liturgie soll den ganzen Menschen erfassen. Der Mensch kann nicht mit einem Teil seiner Existenz irgendwo an einem anderen Ort sein und mit einem Teil im Gottesdienst \u2013 er muss vollst\u00e4ndig in die Liturgie eintauchen. Und unsere Liturgie ist so aufgebaut, dass in der Zeit, in der wir uns in die elementare Kraft des Gebetes versenken, wir uns davon nicht absondern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn Sie in katholischen oder protestantischen Kirchen gewesen sind, konnten Sie sehen, dass dort die Liturgie in der Regel aus vereinzelten Bruchst\u00fccken besteht. Am Anfang singen die Leute irgendeinen Psalm, dann setzen sie sich, h\u00f6ren die Lesungen, dann stehen sie wieder auf. Bei uns ist die Liturgie ununterbrochen. Das hilft nat\u00fcrlich sehr, um sich in die elementare Kraft des Gebetes zu versenken. Unsere Liturgie ist eine Schule der Theologie und Kontemplation, sie ist ges\u00e4ttigt mit theologischen Gedanken. Es ist ganz unm\u00f6glich, die Liturgie zu verstehen, ohne zum Beispiel die Lehren der Kirche zu kennen. Aus diesem Grunde scheint unsere Liturgie f\u00fcr viele Menschen unverst\u00e4ndlich \u2013 nicht weil sie auf Kirchenslawisch gehalten wird, sondern weil sie das Bewusstsein v\u00f6llig anderer Menschen anspricht.<\/p>\n<p>Nehmen wir an, es kommen Leute und h\u00f6ren den Gro\u00dfen Kanon in der ersten Woche der Gro\u00dfen Fastenzeit. Der Kanon kann auf Kirchenslawisch oder auf Russisch gelesen werden \u2013 die Wirkung wird ungef\u00e4hr dieselbe sein, weil der Kanon f\u00fcr M\u00f6nche geschrieben worden ist, die praktisch die Bibel auswendig kannten. Wenn in diesem Kanon irgendein Name erw\u00e4hnt wurde, dann entstand im Kopf dieser M\u00f6nche sofort die Verkn\u00fcpfung mit irgendeiner biblischen Erz\u00e4hlung, die hier allegorisch in Bezug zur Seele des Christen behandelt wird. Doch heute entstehen bei der Mehrheit der Zuh\u00f6rer diese Verkn\u00fcpfungen nicht, und an viele der Namen, die im Gro\u00dfen Kanon erw\u00e4hnt werden, erinnern wir uns nicht einmal mehr.<\/p>\n<p>Dementsprechend kommen die Leute in das Gebet des Gro\u00dfen Kanons, sie h\u00f6ren, was der Priester liest, doch im Wesentlichen reagieren sie auf den Refrain \u201eErbarme Dich meiner, o Gott, erbarme Dich meiner\u201c. Und jeder steht dann da mit seinem eigenen Gebet, mit seiner eigenen Bu\u00dfgesinnung, und das ist in sich nat\u00fcrlich gut und wichtig, aber es ist nicht genau das, wozu der Gro\u00dfe Kanon geschrieben wurde. Um die Liturgie zu verstehen und um sie zu lieben, ist es daher nat\u00fcrlich n\u00f6tig, die Lehren der Kirche und die Bibel gut zu kennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie haben sehr viel mit nicht-kirchlichen Leuten zu tun. Was ist f\u00fcr den priesterlichen Dienst das Wichtigste im Umgang mit Menschen, die weit von der Kirche entfernt sind?<\/strong><\/p>\n<p>Meiner Meinung nach ist es am wichtigsten, den Menschen so von Gott, von Christus erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, dass ihre Augen leuchten und ihre Herzen Feuer fangen. Und damit dies geschehen kann, m\u00fcssen unsere eigenen Augen gl\u00e4nzen, wir m\u00fcssen leben, was wir sagen, wir m\u00fcssen best\u00e4ndig davon entflammt sein, wir m\u00fcssen in uns selbst das Interesse am Evangelium, an der Kirche, an den kirchlichen Sakramenten, an den Lehren der Kirche entz\u00fcnden. Und nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir f\u00e4hig sein, zu den Menschen \u00fcber komplexe Zusammenh\u00e4nge in einfachen Worten zu sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Das Gespr\u00e4ch wurde gef\u00fchrt von Anna Danilova.<\/em><\/p>\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An der Schwelle zu seinem 50. Geburtstag gab Metropolit Hilarion von Volokolamsk, Leiter der Abteilung f\u00fcr kirchliche Au\u00dfenbeziehungen des Moskauer Patriarchats, ein Interview f\u00fcr die Website \u201ePravoslavie i mir\u201c [Orthodoxie und Welt]. 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